Texte

Leseprobe aus dem Buch von Wolfgang Zumdick: Rudolf Steiner und die Künstler. Pforte Verlag Dornach 2005. S. 149-151

Mit einem Ruck wachte er auf
Assja Turgenieff erzählt in ihren „Erinnerungen an Rudolf Steiner“ aus dem Bereich der Eurythmie eine Episode, die mir noch auf einen weiteren Grund für die Unfruchtbarkeit anthroposophischer Kunst zu deuten scheint. Trotz der vielen schönen Liebesgedichte von Goethe, die wir einübten, bleib bei uns als Grundeinstellung entscheidend: Alles Temperamentartige, jegliche Körperbiegung, mit persönlichem Ausdruck verbunden, ist luziferisch. – Obwohl einige in unserer Gruppe an dieser Einstellung zweifelten, blieben wir noch lange vorwiegend frontal in unserer Bewegung und wie unbeteiligt, ohne die Frage nach der Berechtigung des subjektiven und objektiven Elementes lösen zu können. Zur Klärung dieser Frage trug wesentlich bei, dass einmal unser Musiker, Jan Stuten gegen unsere all zu „objektive“ Auffassung der Eurythmie […] heftig protestierte. Dieser Streit kam bis zu Dr. Steiner, der sich daraufhin äusserte, dass auf der Bühne Luzifer am Platze ist, da ist er berechtigt. – „Machen Sie aber Eurythmie mit einem Gesicht bis ans Bauch“ – der Ausdruck einer Italienerin, den er öfters gebrauchte und der eine deplacierte Frömmigkeit bezeichnete -, „dann werden sie so recht ahrimanisch.“ […] Wir behielten zwar noch lange unsere versteiften Gesichter, aber die Körperhaltung wurde allmählich belebter[…]. Besonders langweilig fand ich uns, wenn Herr und Frau Doktor auf Reisen waren und wir allein eine Aufführung für sie vorbereiteten.
Die Unsicherheit der Beteiligten spricht für sich. Aus Furcht, luziferisch zu werden, wirkt alles wie erstarrt. Und über allem schwebt die Instanz Steiner, ohne dessen Zustimmung überhaupt nichts geht. Steiner stand dieser Entwicklung, wie aus zahlreichen Briefen und Augenzeugenberichten hervorgeht, ziemlich hilflos gegenüber. Er erkannte vermutlich, wie hier ein erster Zug zur Orthodoxie aufkam, der in den Jahren nach seinem Tod in vielen Punkten eine freie Entwicklung lähmte und mit zu dem Zerrbild beitrug, das noch heute in weiten Teilen der Öffentlichkeit von der Anthroposophie besteht. Andererseits griff Steiner, wie die folgenden Zeilen belegen, echte Neuerungsimpulse von den Mitgliedern unmittelbar und begierig auf. Ihm war daran gelegen, dass das anthroposophische Denken und in diesem Fall speziell die anthroposophische Kunst von den Beteiligten eigenverantwortlich weiterentwickelt wurde, und so lange er lebte, unterstütze er jede Initiative in dieser Richtung. Beispielhaft ist ein Vorschlag von Assja Turgenieff, die für eine Eurythmieform zu einem Gedicht von Conrad Ferdinand Meyer rote und blaue Glühbirnen in die Deckenbeleuchtung schraubt: Wie immer sass Dr. Steiner angelehnt in seinem Sessel, wie träumend, nur der Fuss wippte. Gewiss waren seine Gedanken irgendwo ganz anders. Doch da kam das rot und blau beleuchtete Gedicht, und mit einem Ruck wachte er auf, schaute erstaunt in die Luft, beugte sich tief, um die Lampen zu sehen, und konnte kaum das Ende des Gedichtes abwarten. „Jetzt kommt ein ganz neues Element in die Eurythmie. Eine farbige Beleuchtung wird den Wechsel der seelisch-geistigen Stimmungen in einem Gedicht zum Ausdruck bringen.“ Mit diesen Worten sprang er auf und verlangte, dass Architekt Aisenpreis und Ehrenfried Pfeiffer im Augenblick kommen sollten. Kaum waren sie da, gab er ihnen genau an, wo und wie farbige Beleuchtungskörper anzubringen seien. Mit meinen beiden Glühbirnen hatte ich gewiss nicht solche weiten Konsequenzen erwartet. Es ist aber ein Beispiel dafür, wie Dr. Steiner oft auf etwas von aussen Kommende wartete, um es zu ergreifen und etwas Grossartiges daraus zu machen.
         Dieses Korrektiv aber entfiel nach seinem Tode und mit ihm die Instanz, die hätte entscheiden können, ob etwas „gut“ oder „schlecht“, „falsch“ oder „richtig“ war. Es verwundert daher nicht, dass man sich an die alten, vom „Doktor“ sanktionierten Formen hielt, statt durch das Experiment Gefahr zu laufen, luziferisch oder ahrimanisch zu werden. Ein Lehrstück dafür, wie leicht etwas, das im Namen der Freiheit auftritt, zum Dogma erstarren kann.
         Doch gibt es gerade in letzter Zeit eine Vielzahl von Lichtblicken nicht nur in der anthroposophischen Szene. Eine neue Generation von jungen Künstlern und unabhängigen Anthroposophen wächst heran. Viele „nichtanthroposophische“ Künstler wurden durch das Werk von Beuys oder die kurz nach seinem Tode neu entdeckten Wandtafelzeichnungen auf Steiner aufmerksam.
         In all diesen Kreisen herrscht eine grosse geistige Unabhängigkeit, Freiheit und Präsenz. Längst gibt es eine künstlerische Strömung, die im Sinne der Ideen Steiners agiert und dabei mit den neuesten Formen zeitgenössischer Kunst experimentiert. Hier ist Steiners „Kunstlehre“ nicht spürbar und doch sind seine Ideen präsent. Der Impuls ist also nach wie vor lebendig. Wir dürfen uns auf das freuen, was von dieser Seite noch kommen wird.


Gesundmachend

Eurythmie hat in diesem Jahr eine besondere Stellung am Goetheanum. Tagungen und Tourneen, Arbeitskreise und Fortbildungen, Fähigkeitenförderung und Berufsbildentwicklung sind einige der Aktivitäten von Bühne und Sektion für Redende und Musizierende Künste. Werner Barfod, gefragt nach "Eurythmie als Wellness - warum nicht?", antwortet mit einer Eurythmie im Alltag, die auf dem "Hygienischen Okkultismus" aufbaut.

"Eurythmie im Alltag" möchte sagen: Lebenskraft aus dem All erfüllt den Tag, und Bewegung, die aus dem Menschen als Freude an der beseelten Bewegung aufsteigt, kommt als Eurythmie aus dem Menschen und aus dem All. Bewegung, die subjektiv erfühlt und objektiv als Ton- und Lautgebärde ergriffen, erfahren werden kann.
Eurythmie begleitet den Menschen durch sein ganzes Leben, und alle Bereiche des Lebens sind betroffen: als Kleinkind und Jugendlicher in der Erziehung sowie im Berufsleben in der Prozessbegleitung sozialer Zusammenhänge, die die Eurythmie verlebendigt und durchsichtig macht. Im Kranksein und Alter wird der Laut zum therapeutischen Mittel des Heilens und Stützens. Die künstlerische Aussage als Bühnenkunst lässt den Menschen in jedem Alter sich in seiner Menschenwürde erleben.

Der ganze Mensch
Und immer mehr entsteht das Bedürfnis, Eurythmie auch beim anthroposophischen Studium einzusetzen: Der denkende, fühlende und wollende Mensch lässt sich durch eurythmische Gebärden in vielfältiger Weise erleben. Die Urgebärde des Menschen - konzentriert im Zentrum sich selbst zu fühlen oder sich hingegeben an die Welt im Umkreis zu erfahren - lässt sich differenziert mit "Ballen und Spreizen" ausdrücken.
Gesundmachende Kräfte sind die gleichen Kräfte, mit denen der Mensch sich okkulte Fähigkeiten erbildet, indem er sie in Erkenntnisse umwandelt. Rudolf Steiner formuliert das so: "[...] es wird die Möglichkeit dasein, jene Krankheiten, die nicht durch karmische Ursachen entstehen und deshalb unbeeinflussbar sind, auf psychischem Wege prophylaktisch zu behandeln, zu verhüten" (Die sozialen Grundforderungen unserer Zeit, GA 186, Vortrag vom 1.12.1918). Hier liegt wohl ein Schlüssel dafür, warum Steiner auf seinem Krankenlager 1925 sich so äussert, dass er jetzt das Ruder um 180 Grad zur Kunst hin umwenden würde.
Eurythmie erweist sich als zentralter Impuls des "hygienischen Okkultismus" - in all ihren Berufsformen: der Bühnenkunst, der pädagogischen Eurythmie, der Heileurythmie, der Eurythmie im sozialen Berufsfeld. Dafür braucht der Eurythmist Vorbereitung, die in den entsprechenden Berufsbildern beschrieben wird, etwa: Wie wird aus Interesse Fragehalten und aus Selbstevaluation Selbständigkeit? Eine begleitende Selbstschulung, gepaart mit unternehmerischer Fähigkeit, ist zu entwickeln. So werden die Eurythmisten zukünftig mehr Möglichkeiten haben, ihren Impuls mit der Eurythmie in unsere Kultur in den Alltag hereinzutragen.

Werner Barfod in: "Gotheanum", Nachrichten für Mitglieder 19/06


„Wir hatten keine Ausbildung“
Erinnerungen von Maria Jenny Schuster an die frühen Jahre der Eurythmie

Maria Jenny Schuster schildert ihre erste Begegnung mit der Eurythmie, ihre Ausbildung in Stuttgart bei Alice Fels und die Bühnenjahre in Dornach, noch zurzeit von Rudolf Steiner. Sie erzählt aber auch von ihrem kargen Leben mit Essensmarken und dem Strohsack als Bett.
Ihr Fazit: „Ich habe den Schritt zur Eurythmie nie bereut. Das ist wirklich so. Die Eurythmie braucht keine Krise, die Eurythmie braucht viel Üben, und vor allem: sich begeistern, und ein Ideal haben. Man muss ein Ideal haben, dem man nachstrebt. Ja, und Herr Doktor sagte auch: Temperament, Temperament!“

Den ganzen Text können Sie als pdf-Datei herunterladen.